Eine schnurgerade Bundesstraße führt unter herbstbunten Bäumen in den Ort. Gleich zu Beginn, als erste Anlaufstelle für Durchreisende und Bohlen-Jünger, liegt eine Shell-Tankstelle. Die Frau hinter der Theke blättert in der “Bild”-Zeitung und blickt lange auf eine Schlagzeile, die sich mit ihrem berühmten Nachbarn befasst. Natürlich kenne sie “den Herrn Bohlen”. Seine Freundin, “die Estefania”, sei noch vor einer halben Stunde da gewesen, sagt die Frau von der Tankstelle, die ihren Namen lieber nicht in den Medien lesen will. Sie hat sehr ordentlich frisiertes, weißes Haar, ihre Ohrclips sind goldfarben und dezent – nur die ferrari-rote Daunenweste erinnert daran, dass die Dame nicht Hutschenreuter-Porzellan oder Brautmode verkauft, sondern Super, Diesel und Normal. Auch Bohlen komme “natürlich” regelmäßig zu ihr. Dann betankt er zwischen Golfs und Mazdas seinen Fuhrpark – Jaguar, Ferrari, BMW.

Ex-Freundin Nadja Abd El Farrag: “Eine richtig herzliche Frau”

Die Nadja sei ja auch oft bei ihr gewesen, sagt die Dame hinter dem Tresen und rückt ihre Brille gerade, deren Bügel kleine rote Strass-Steinchen zieren. Sie sagt nie “Naddel”, sondern immer “Nadja” – gerade so, als wolle die Dame sehr deutlich machen, dass sie ein ganz anderes Verhältnis zu den Figuren aus den Geschichten der Boulevard-Zeitung hat, die vor ihr liegt. Wenn sie von Estefania oder Nadja Abd El Farrag spricht, dann hört es sich an, als rede sie über ihre beiden Töchter. Überhaupt sei “die Nadja” ganz anders: “Das ist eine richtig herzliche Frau, sehr nett”, sagt die Dame von der Tankstelle und lächelt. Dieter Bohlen hatte in seinem ersten Buch Abd El Farrags “beschwingte Oberflächlichkeit” gelobt. Die sei “so schön entspannend fürs Hirn”.

Wie man sich fühlt, wenn man einen Gutteil der Darsteller der Bohlen-Soap persönlich zwischen Zapfsäule und Aufbackbrötchen kennen gelernt hat? “Also, ich hab da schon meine Meinung. Was der Herr Bohlen mit der Nadja gemacht hat – das war nicht die feine Art”, sagt die Dame. Zum Abschied mahnt sie dann noch, man solle ja nicht schreiben, sie sei nur die Pächterin der Tankstelle. “Die gehört uns.” Und dass sie “nichts Schlechtes” gesagt habe.

Wer unweit der Shell-Tankstelle – zwei Bauernhöfe später, um genau zu sein – links Richtung Krankenhaus abbiegt, verlässt Tötensen. Nicht weil er versehentlich schon wieder ein Ortsschild übersehen hätte. Dort, wo die Straße einen kleinen Hügel erklimmt, beginnt einfach nur eine andere Welt. Sie ist anders als die unten im Dorf, wo es nach Stall und Stroh riecht und von den Holzsäulen am griechischen Restaurant “Mythos” die weiße Farbe blättert. Hier wachen keine deutschen Schäferhunde vor norddeutschem Backstein, sondern Alarm-Anlagen. Weiße Zäune begrenzen die Grundstücke – nicht tannengrüner Maschendrahtzaun.

Ob die Nachbarn ihn mögen? Oder sehnen sie sich nach den bohlenfreien Zeiten zurück, als in der Villa nur ein Herr von Heiden wohnte – Ölhändler, nicht Pop-Titan – und keine Dieter-Fans vor dem Gartentor campierten? Doch hier oben ist man diskret, mag Herr Bohlen auch Bettgeschichte um Bettgeschichte hinausposaunen. Damit wolle sie lieber nichts zu tun haben, lässt sich eine Nachbarin immerhin entlocken. “Er ist ja eigentlich ein ruhiger Anwohner…”, sagt sie noch und winkt dann ab: Herr Bohlen soll hier oben bitteschön kein Thema sein. Punkt.
Uwe Walther geht es da ähnlich. Nur ist es als Dorf-Frisör ungleich schwerer, dem Klatsch- und Schmuddel-Bohlen zu entkommen. Wenn er den Kundinnen zwischen verblichenen Werbepostern und ordentlich sortierten Handtuchregalen die Dauerwelle legt, berichten sie meist täglich. Da gilt es, sich abzugrenzen: “Der Bohlen geht mir doch am Hintern vorbei”, sagt der Frisör. Als eine Nachbarin ganz aufregt zu ihm lief, weil gerade “der Dieter und die Naddel” hinter ihrem Haus vorbei geritten waren, habe er nur mit den Schultern gezuckt. Da soll Herr Bohlen erst mal in seinen Salon kommen und sich bei ihm die Haare schneiden lassen. “Aber dafür reichen meine Künste wohl nicht”, sagt Uwe Walther.

Zwölffünfzig kostet der Haarschnitt bei Frisör Walther, Maschinenschnitt ist billiger. In dem kleinen Salon ist die Welt vor langer Zeit stehen geblieben: Im Zeitschriftenständer der Katalog “Coiffures de Paris” von 1987, an der Wand hängt eine Landesverordnung über “die hygienische Ausübung des Friseurhandwerks”, datiert vom 10. Juli 1967. Uwe Walther hat den Laden von seinem Vater übernommen, raus aus Tötensen habe er nie gewollt, sagt der 60-Jährige. Den Rummel um den prominenten Dorfbewohner kann und will er nicht verstehen.

Die Fans, die oft bei ihm – letzte Ausfahrt Tötensen – nach der Bohlen-Villa fragen, haben es da nicht immer leicht mit Walther. “Och, die veräppel’ ich ganz gern mal”, sagt er und grinst. Die “Intelligenz von Deutschland” sei das ja auch nicht gerade, die zu Bohlen pilgert. Als sonntags mal jemand bei ihm klingelte, habe er nur gesagt: “Dann mach mal hinne, um halb vier gibt’s Kaffee beim Dieter”, erinnert sich der Frisör lachend. “Der hat ziemlich belämmert aus der Wäsche geguckt.”

Früher ist sein Sohn mit seinen Kumpels manchmal rauf zur Villa gefahren, wenn sie etwas Abwechslung vom Dorfleben brauchten. Der Tötensener Veranstaltungskalender passt großzügig auf ein DIN A4-Blatt. “Dann haben sie den Mädchen, die am Zaun standen und warteten, ‘Dieter, Dieter’ zugerufen – das war denen dann ja auch peinlich.” Ein Landjugendspaß.

Einmal hätte sich Walthers Wissen um den berühmten Tötensener fast bezahlt gemacht: Seine Tochter schwitzte im nahen Maschen im selben Fitness-Studio wie Bohlen – und kannte dessen Privatnummer. Ein Radiosender aus München habe sich sehr dafür interessiert, erzählt Uwe Walther. Doch der Frisör wollte Geld für die Auskunft – und der Deal kam nicht zustande.

Eigentlich verdienen nur die beiden einzigen Hotels des Hauptstraßen-Dorfs mit Dieter Bohlen Geld, ein bisschen zumindest. Einen “gewissen Bohlen-Tourismus” gebe es schon, sagt Horst-Dieter Heitmann, Besitzer des “Hotel Rosengarten”. Fans, die sich für ein, zwei Nächte ein Zimmer bei ihm mieten, um den Meister zu sehen. “Wie Jesus”, sagt Heitmann und schüttelt den Kopf. Er trägt Strickjacke und das dünner werdende Haar seitlich gescheitelt und sieht nicht wie ein Mann aus, der Worte wie “Penisbruch” oder “Nudelvergleich” auch nur denkt.

Im Rosengarten stehen Vierländer Gemüseplatte und Kutterscholle auf der Karte, der Chef bedient persönlich und fragt: “Waren der Herr zufrieden?” Im Restaurant sitzt man auf Eiche rustikal und überblickt gepflegte Schein-Zypressen im Garten und völlig identische Reihenhäuser zur Linken. Ein Damenkränzchen bekommt “Mousse von der Schokolade” und unterhält sich über die nächste Verabredung zum Hallen-Tennis. Manchmal komme auch Bohlen selbst zum Essen zu ihm, “aber eher selten”, erzählt der Hotelier. “Er scheint keinen großen Wert darauf zu legen, hier Fuß zu fassen”, sagt er – und es klingt kühl. Gelegenheiten gäbe es genug, findet er: Tötensen habe einen Schützenverein und “ein reges Vereinsleben”. Aber wenn er ehrlich ist: “Ob der Bohlen hier wohnt oder nicht – wirklich wichtig ist das nicht für mich.”

Die meisten Tötensener reagieren wie Horst-Dieter Heitmann auf Dieter Bohlen – “norddeutsch kühl”, wie der Musiker beim Bundespresseball dem Bayern Edmund Stoiber seine Nachbarn beschrieb. Doch allen Gerüchten über einen Umzug an den Starnberger See zum Trotz: Bohlen hält Tötensen bislang die Treue. Schätzt er die heimelige Idylle inmitten kohlgrüner Felder? Oder sehnt er sich tief im Innern doch nach “Schwere und Ernsthaftigkeit und Nudeln mit Gulasch” zurück, die ihn bei seiner ersten Frau Erika so anödeten, wie er in seinem ersten Buch “Nichts als die Wahrheit” klagte? Tötensen jedenfalls ist sehr viel mehr Hausmannskost als Amuse Gueule auf dem Presseball.

Vielleicht ist es ja ein Satz von Frisör Uwe Walther, der die innige Liebe des Dieter Bohlen zu seinem niedersächsischen Provinz-Kaff erklärt: “Die Bedeutung von Herrn Bohlen in Tötensen dürfte deutlich unter der im Rest des Landes liegen.” Schließlich wollen auch Pop-Titanen dann und wann mal ihre Ruhe haben.